von
Manfred J. Müller Die
Hochlohnländer haben, vermutlich auf Druck des
Großkapitals (Kapitalistisches
Ermächtigungsgesetz),
im Laufe der drei vergangenen Jahrzehnte die
Einfuhrzölle kräftig herabgesetzt oder gar ganz
aufgehoben. Daraus entfesselte sich
erwartungsgemäß der weltweite Dumpingwettbewerb -
eben was wir heute als Globalisierung bezeichnen. Dass der
Verzicht auf Einfuhrzölle für die
Hochlohnländer auf Dauer nicht gutgehen konnte, weil
nun einmal der Abstand zu den Billiglohnländer viel zu
gewaltig war, dürfte schon damals den verantwortlichen
Staatsmännern und Regierungen durchaus bewusst gewesen
sein. Damit nun
nicht
alle Produktionsbereiche
sich aus den alten Industriestaaten fluchtartig
zurückziehen, wurde gezwungenermaßen mit
großzügigen Investitionszuschüssen und
Unternehmenssteuersenkungen gegengelenkt (auf Kosten der
Steuerzahler). Die
Aufhebung der Importzölle ist eigentlich der
schwerwiegendste Eingriff in eine Volkswirtschaft, den man
sich vorstellen kann. Umso
erstaunlicher, dass in den "Demokratien" der
Hochlohnländer dieser Gewaltakt nahezu
stillschweigend am Volk vorbei vollzogen wurde.
Es gab
keine echte Diskussion über die Vor- und Nachteile
(trotz aller Pressefreiheit). Konnten
die großzügigen Subventionen die gefährdeten
Branchen vor ihrem Aus bewahren? Schon
frühzeitig haben die verantwortlichen Politiker im
Einklang mit den professionellen Meinungsmachern (den
Medien) vorgebaut und eingeräumt, dass die
arbeitsintensiven "einfachen" Produktionsbereiche für
die alten Industrienationen nicht haltbar seien und die
Hochlohnländer sich tunlichst anspruchsvolleren
Aufgaben zuwenden sollten. Auch in Deutschland sah man mit
unverhohlener Arroganz Asien als verlängerte Werkbank
und sich selbst als Ideenschmiede der Welt (diese
realitätsferne Abgehobenheit erinnert stark an Hitlers
Wahn vom "Herrenmenschen"). Man hat
also die Bevölkerung darauf eingestimmt, dass die
deutschen Arbeitnehmer für die Herstellung von
Textilien, Bekleidung, Schuhen, Spielzeug usw. zu Schade
seien. "Auf solche Branchen könne und müsse
man verzichten um sich voll und ganz den High-Tech-Bereichen
widmen zu können" hieß es unisono. Leider hat
man bei der Verschmähung der für unsere eigene
Grundversorgung eigentlich unentbehrlichen "niederen"
Branchen übersehen, dass nur ein bestimmter Prozentsatz
der Bevölkerung über die geistigen Gaben und die
sozial geordneten familiären Rückhalte
verfügt, die für die Erlangung eines
anspruchsvollen Studienabschlusses nahezu unabdingbar
sind. Ein
großes Land benötigt nun einmal überwiegend
Arbeitsplätze für die Masse der durchschnittlich
Begabten, für die Abgänger der Real- und
Hauptschulen. Es ist ein Wahnsinn, gerade solche dringend
benötigten Jobs ins Ausland zu verdrängen, nur
weil man meint, auf Importzölle verzichten zu
müssen (Subventions-Protektionismus
statt Zoll-Protektionismus). ...
viele Akademiker verdienen heute weit weniger als ein
gewöhnlicher Facharbeiter (mit einfachem
Hauptschulabschluss) vor 30 Jahren ... Selbst
die High-Tech-Branchen sind über Subventionen nicht zu
halten! Aber
selbst wenn man hochnäsig die "niederen" Branchen
endgültig abschreiben würde (wie leider geschehen)
- was bleibt dann übrig von den hochgelobten und
hochsubventionierten High-Tech-Branchen? Die
Billiglohnkonkurrenz aus dem Ausland hat längst auch
die Hausgeräte-, und Büromaschinen-Industrie
heimgeholt. Selbst für Fernseher, Kameras, Computer,
Navigationsgeräte und andere
High-Tech-Produktionsfelder erweist sich Deutschland (und
die westliche Welt) als ein zu teurer
Produktionsstandort. Mit hohen
Investitionszuschüssen hat man versucht, eine
Handyproduktion aufrechtzuerhalten - zumindest ein kleiner
Teil der Zigmillionen jährlich benötigten Handys
sollten aus eigenen Landen stammen. Dabei kann
man den Herstellern ihre Verlagerungen ins Ausland nicht
einmal verdenken. Der Weltmarkt ist knallhart, wer zu teuer
produziert oder zu wenig Rendite erwirtschaftet, kann die
Globalisierungs-Ära nicht überstehen. (Gäbe
es wirksame Importzölle, wäre auch für die
Global Player der Erfolgs- und Konkurrenzdruck und die
Gefahr einer feindlichen Übernahme deutlich
geringer). Warum
bloß soll Deutschland seine eigens benötigten
Fernseher, Computer und Handys nicht selbst herstellen
dürfen? Gäbe
es angemessene Importzölle, könnte sich eine
Produktionsindustrie iim Inland etablieren und auch auf
diesen Gebieten notwendige Grundlagen-Forschungen betrieben
werden. Warum
in aller Welt sollen wir es akzeptieren, dass Deutschland
sich kampflos aus den wichtigsten-High-Tech-Bereichen
zurückzieht. Speicherchips
made in Dresden... Es war
wieder mal nur ein schöner Traum. Die Vorstellung
lautete: Nimmt man nur genügend Steuergelder in die
Hand und vergibt diese großzügig an Investoren,
dann rechnet sich selbst in Deutschland noch eine
anspruchsvolle High-Tech-Speicherchip-Herstellung. Damit
ließe sich beweisen, dass die Globalisierung (der
Zollverzicht) sich eben doch noch rentiert. Man braucht der
Allgemeinheit ja nicht auf die Nase zu binden, dass
dieser Scheinerfolg mit realen Lohnsenkungen und
höherer Abgabenlast anderer Arbeitnehmer erkauft
wurde (die Subventions-Milliarden mussten ja irgendwo
herkommen). Was ist
aus diesem schönen teurem Experiment geworden? Die
Chip-Weltmarktpreise rutschten in den Keller, in Deutschland
kann nur noch mit großen Verlusten die Produktion
aufrechterhalten werden. Da es einen wirksamen Zollschutz
nicht gibt, wird (falls nicht vom Staat immer weitere Gelder
fließen) einmal mehr ein wichtiger
High-Tech-Grundlagenbereich aus unserem Hochlohnland
verschwinden. Mag sein,
dass die Weltmarktpreise für Speicherchips sich
irgendwann wieder erholen - aber das nützt dann auch
nichts mehr. Auf ein weiteres Experiment werden sich die
Investoren trotz hoher staatlicher Subventionen kaum
einlassen. Ein Staat,
der auf Importzölle generös verzichtet, setzt
seine Volkswirtschaft gnadenlos den Turbulenzen und
Machtkämpfen am Weltmarkt aus. Denn er
kann das Vernichtungspotential irrsinniger Dumpingimporte
nicht durch Anheben der Einfuhrzölle
entschärfen. Jetzt
geht es der Autoindustrie an den Kragen! Als eine
der letzten Bastionen westlicher Vorherrschaft schlittert
nunmehr auch die Automobilindustrie in die Krise. In den USA
konnte für zwei Autokonzerne mit Müh und Not und
Milliarden von Steuergeldern im letzten Moment die drohende
Insolvenz noch einmal abgewendet werden. Leider
wagt man selbst in dieser prekären Situation immer noch
nicht, das Kind wirklich beim Namen zu nennen. Nicht der
Verzicht auf Importzölle (= Unterbindung des brutalen
Dumpingwettbewerbs) ist also Schuld, sondern das Versagen
der Manager. Und dieses
Grundsatzproblem wird bald auch die anderen
Hochlohnländer erfassen. Deutschlands Autoindustrie ist
zwar generell besser aufgestellt als die der USA - aber auch
für Statussymbole und Luxuskarossen wird man nicht ewig
jeden Hochlohnpreis zahlen wollen. Wenn Indien und China
erst einmal richtig loslegen und voll ins Autogeschäft
einsteigen, können sie gleichwertige Autos für die
Hälfte des bisher üblichen Preises anbieten und
den Markt genauso aufrollen, wie sie das in den anderen
High-Tech-Branchen bereits geschafft haben. Nachtrag:
Opel
und die Versteigerung von
Arbeitsplätzen. Die
amerikanischen Autokonzerne bräuchten keine
Milliardenhilfen, wenn die USA die Importzölle
allgemein um 20 Prozent anheben würden. Noch
scheut sich die US-Administration vor diesem Schritt. Sie
verteilt lieber Geld, das sie gar nicht besitzt und senkt
den Leitzins auf 0 bis 0,25 % (ein Staat, der fast bankrott
ist, darf sich auch das erlauben). Welches
Risiko ist
größer? Irgendwann
wird das wirtschaftliche Debakel nicht mehr zu verschleiern
sein und der Volkszorn Politiker zur Einsicht
zwingen. Zur
Rettung der Nation wird das von der Globalisierung am
schlimmsten heimgesuchte Land den Anfang machen und die
Importzölle schrittweise wieder anheben. Das wäre
dann das Signal, worauf andere Regierungen sehnsüchtig
gewartet haben. Ein Land nach dem anderen wird dem tapferen
Vorreiter folgen und ebenfalls die Importzölle
anheben. Ergänzende
Artikel: Tabuthema
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Kann
uns der Subventions-Protektionismus wirklich
retten?
Eine äußerst fragwürdige Politik, die
natürlich vor allem einen einwanderungsoffenen
Sozialstaat wie unsere Bundesrepublik langfristig finanziell
in die Knie zwingt und reale Lohnzuwächse nicht mehr
zulässt.
Er ist kaum weniger spektakulär als eine Umwandlung
von der Marktwirtschaft zur Planwirtschaft (vom
Kapitalismus zum Kommunismus).
Den Bevölkerungen wurde lediglich kurz und knapp
mitgeteilt, das Zollzölibat müsse nun einmal sein,
das sei fortschrittlich und bringe bisher ungeahnten
Wohlstand.
Man setzte hartnäckig auf teure Bildungsoffensiven,
erhöhte drastisch die Zahl der Akademiker und
Ingenieure - aber ohne jeden Erfolg, denn die
Realnettolöhne
und Renten sinken trotzdem seit 1980 (bei stetig steigender
Produktivität).
Zahlreiche Hochqualifizierte finden keinen Job und viele
Akademiker verdienen heute weit weniger als ein
gewöhnlicher Facharbeiter (mit einfachem
Hauptschulabschluss) vor 30 Jahren.
Was ist daraus geworden? Nur zwei Kilometer von meinem
Schreibtisch entfernt hat Motorola sein Handywerk
geschlossen (es steht jetzt leer). Vor einiger Zeit waren
hier noch 3000 Mitarbeiter beschäftigt. Den
Nokia-Angestellen in Bochum ging es kaum besser.
Die hätten zu lange an alten Konzepten festgehalten und
zu wenig in neue Innovationen investiert, heißt es
neunmalklug. Solche Vorwürfe lassen sich leicht erheben
- nie läuft in einer Firma wirklich alles optimal,
immer gibt es Versäumnisse und Fehler. Doch das Problem
liegt in Wahrheit nicht in der falschen Modellpolitik oder
verschleppten Rationalisierungsprozessen - das
ursächliche Problem ist, dass Amerika mit den
Billigproduktionen aus Fernost nicht mehr mithalten kann.
Der Subventions-Protektionismus am konkreten
Beispiel
Ist es für die USA vorteilhafter, in immer
größeren Stile geliehenes Geld zu verschenken und
die notleidenden Industrien zu subventionieren oder
wäre es besser, sich durch behutsame Zollanhebungen
langsam aus der Globalisierungsfalle zu befreien?
Brauchen
wir eine Transatlantische Freihandelszone?
Warum die Globalisierung (der Zollabbau) zur
Massenarbeitslosigkeit, Realohnsenkungen, Sozialabbau und
hoher Staatsverschuldung führt.
Manfred
Julius Müller
analysiert seit 30 Jahren weltwirtschaftliche
Zusammenhänge und veröffentlichte unzählige
Aufsätze zu den verschiedensten Themen. Er entwickelte
neue Wirtschaftstheorien, die weltweit neue
Maßstäbe setzten und in manchen Ländern in
wichtigen Bereichen bereits die Gesetzgebung beeinflussten.
Inzwischen sind auch vier Bücher erschienen: "Die
Kultivierung des Kapitals", 2001, "Anti-Globalisierung.
Zurück zur Vernunft!", 2002, "Das neue
Wirtschaftswunder. Die Entmachtung des globalen
Dumpingsystems", 2005, "Das
Kapital und die
Globalisierung",
2008.